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Care-Tätigkeiten fördern

Was ist das Problem?

  • die Tätigkeiten, die auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen gerichtet sind, die Menschen fördern und bilden und der alltäglichen Reproduktion des Lebens und der Arbeitsfähigkeit dienen und die damit eine Gesellschaft am Leben erhalten und ein gutes Leben für alle ermöglichen, erfahren zu wenig Anerkennung (Kinderpflege-/erziehung, Alten- und Krankenpflege, Sorge für sich selbst, sauber machen...).
  • bezahlte → Care-Arbeit ist dem Konkurrenzdruck unterworfen. Deswegen steht ihre Finanzierung unter hohem Kostendruck (z.B. Krankenversicherung) oder wird zu großen Teilen nicht vom Staat übernommen (z.B. Pflegeversicherung). In der Folge wird sie häufig schlecht bezahlt und findet unter hohem Arbeitsdruck statt. Zudem werden viele Care-Bereiche zum Feld privater Kapitalanlage; Care ist also zunehmend Objekt von Renditebestreben.
  • die Bedingungen der Lohn-/Erwerbsarbeit (Umfang der Erwerbsarbeit, erzwungene Flexibilität im Sinne des Unternehmens, psychische und körperliche Belastung) verhindern oft, dass Menschen sich in ausreichendem Maß den Care-Tätigkeiten in Familie und sozialem Umfeld widmen können.
  • unbezahlte Care-Arbeit lastet hauptsächlich auf den Schultern von Frauen.
  • Care-Beschäftigte, insbesondere aber auch unentlohnte Care-Arbeit Leistende und auf Care-Leistungen Angewiesene haben kaum Einfluss auf Rahmenbedingungen und Ablauf der Care-Arbeit.
  • Insgesamt existiert eine komplette Schieflage in der Bewertung für die Gemeinschaft relevanter Tätigkeiten. Der rein ökonomische, nutzen-orientierte Blicks auf den Wert von Individuen führt zu Entwürdigung, Deprivation und Segregation von vielen Menschengruppen (Alten, Menschen mit Einschränkungen,...)
  • Es besteht die Tendenz (bzw. ökonomischer Zwang) von Frauen im globalen Norden, mehr Stunden in Lohnarbeit zu verbringen und weniger Care-Arbeit in der eigenen Familie zu übernehmen, was zu globalen 'Care-Chains' führt anstatt zu gleicher Aufteilung der Tätigkeiten unter allen Mitgliedern (Geschlechtern) der Gesellschaft: nicht-deutsche, oftmals nicht-weiße Frauen übernehmen Care-Tätigkeiten (oftmals nicht versichert etc., äußert schlecht bezahlt) und übergeben Verantwortung für ihre eigenen Familien an jeweils andere weibliche Mitglieder aus der Familie/ Nachbarschaft.
  • Die sich abzeichnende Technisierung im Bereich der Care-Tätigkeiten (z.B. Einsatz von Robotern in der Pflege etc.) ist höchst problematisch: Sie führt zu einer fortschreitenden (gesellschaftlichen) Entwertung der Tätigkeiten und zu einer weiteren Prekarisierung (Lohn-Dumping durch maschinelle Konkurrenz, zunehmende Bedrohung der Arbeitsplätze selbst); zudem wird signalisiert, dass Pflege und Sorge loszulösen wären von emotionaler Fürsorge und Empathie, es sich also wortwörtlich um rein maschinelle Vorgänge handle: fortschreitende Isolation und Vereinsamung von den Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, sowie → Exklusion verletzlicher Gruppen aus der Gemeinschaft und aus dem Kontakt mit Mitmenschen.

 


Was ist die Maßnahme?

Care-Tätigkeiten, sowohl bezahlte wie auch unbezahlte, müssen in ihrer Bedeutung anerkannt werden. Sie sind finanziell und infrastrukturell abzusichern und zu unterstützen. Ihre Kommodifizierung ist zurückzudrängen; stattdessen ist eine Selbstverwaltung der Einrichtungen im Care-Bereich durch die Menschen anzustreben, die sich in Sorgebeziehungen befinden.


Wie kann die Umsetzung aussehen?

  • Renditeorientierte Unternehmen sind aus den Bereichen der Sorgearbeit auszuschließen.
  • In allen Einrichtungen, einschließlich der von „freigemeinwirtschaftlichen“ Institutionen (z.B. Caritas, ASB, DRK) betriebenen, ist eine umfassende Mitbestimmung aller in die Sorgebeziehungen involvierten Personen (Beschäftigte, Patient*innen, Angehörige etc.) umzusetzen.
  • Im insgesamt bedürfnis- und bedarfsgerecht auszubauenden Care-Bereich sollte der Schwerpunkt auf demokratisch organisierten kommunalen Betrieben und → Commons (Poliklinik, Kinderladen, Nachbarschaftsladen usw.) liegen.
  • Dies bedeutet auch den Ausbau einer kostenlos nutzbaren öffentlichen sozialen Infrastruktur und der dort stattfindenden Dienstleistungen.
  • Des Weiteren ist eine Verringerung der Arbeitsbelastung und eine Erhöhung der Stundenlöhne der in diesen Einrichtungen Beschäftigen wichtig, auch, um diese Arbeitsverhältnisse attraktiver zu machen.
  • Dies ist wiederum eine Voraussetzung, um den zusätzlichen Arbeitsbedarf zu decken, ohne auf das globale Lohngefälle und globale "Care-Chains" zurückzugreifen. Zur Finanzierung ist die Einführung einer Bürger*innenversicherung naheliegend, die die Spaltung in private und gesetzliche Krankenversicherung aufhebt. Zu ihrer Finanzierung sind alle Einkommensarten ohne eine Deckelung der Beiträge nach oben heranzuziehen. Diese Bürger*innenversicherung soll für die Absicherung der Gesundheit und Pflege aller Menschen sorgen.
  • Die Sicherung einer umfassenden Teilhabemöglichkeit für alle Menschen mit Behinderung(en) sollte selbstverständlich sein.
  • Selbstverständlich geht es nicht darum, alle Sorgebedürfnisse im Rahmen von Institutionen durch Care-Beschäftigte zu decken. Bedürfnisgerechte Sorgebeziehungen brauchen auch die Einbeziehung von Freundschafts- und nachbarschaftlichen Netzen. Die Menschen, die sich in diesen Netzen umeinander kümmern, brauchen jedoch selbst Zeit und Ressourcen. Deshalb sind die Einführung eines Grund- und Maximaleinkommens sowie eine radikale Arbeitszeitverkürzung entscheidende Voraussetzungen, um die notwendigen Care-Tätigkeiten zu ermöglichen und für deren geschlechtergerechte Verteilung sowie für die ausreichende Befriedigung von Care-Bedürfnissen zu sorgen.


Wie wird damit dem Klimawandel entgegengewirkt bzw. wie werden damit ökonomische Rahmenbedingungen geschaffen, die wirksame Klimaschutzmaßnahmen unterstützen?

Der CO2-Ausstoß ist im Dienstleistungsbereich, insbesondere bei Care-Leistungen, wesentlich geringer als in der Güterproduktion. Je mehr in der Befriedigung von Bedürfnissen die Sorge umeinander im Vordergrund steht, desto mehr kann die Produktion von Gütern begrenzt werden. Denn zumindest viele Konsumgüter dienen zur Bestätigung des eigenen Status und werden als Folge einer individualisierten Lebensgestaltung benötigt. Dies sind Ziele, die sich durch die Sorge umeinander direkter und klimaschonender erreichen lassen. Insofern ist der Ausbau des Care-Bereichs ein zentrales Element einer Lebensweise die sich global verallgemeinern lässt.


Wie schnell kann die Maßnahme umgesetzt werden?

Jederzeit kann damit begonnen werden. Die Voraussetzungen für eine an den Bedürfnissen der Care-Arbeitenden und der Care-Bedürftigen orientierten Lebensweise sind teils bereits im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsform zu schaffen und dienen als Einstiegsprojekte in eine solidarische Gesellschaft, deren ökonomisches Handeln direkt an der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse orientiert ist (→ Kapitalismus).


Wie lange dauert es, bis die Maßnahme Wirkung zeigt?

Sofern der Ausbau der Care-Bereiche und deren Demokratisierung wie erwartet zu einer Verringerung der Produktion und des Transports von Gütern führen, wird diese Maßnahme unmittelbar positiv wirken. Da Care-Arbeit in höherem Maß als die Produktion von Dingen kleinräumig organisiert ist, im Stadtteil oder in der Nachbarschaft stattfindet, wird auch der Verkehr zurückgehen, der durch die räumliche Trennung von Wohnort und Betriebsstätte bedingt ist. Dabei wird jeder nennenswerte Schritt zur Verbesserung der Voraussetzung für gute Care-Arbeit, bezahlte und unbezahlte, sofort Wirkung zeigen.


Bezüge zu anderen Maßnahmen

Eine gute Care-Arbeit, ob nun bezahlte oder unbezahlte, hat vielfältige Voraussetzungen und Bezüge zu anderen Maßnahmen: Ausbau und Demokratisierung von öffentlicher sozialer Infrastruktur erfordert eine Ausweitung demokratischer Prozesse in Richtung Selbstverwaltung: Vorstellungen von repräsentativer Demokratie werden praktisch in Frage gestellt.
Die Absicherung der Einzelnen findet in höherem Maß durch kollektive Versorgung und durch von der Erwerbsarbeit unabhängige Einkommen statt, die Kluft zwischen arm und reich sinkt. Beispiele sind die Erhöhung der Erwerbseinkommen der in den Care-Einrichtungen Arbeitenden, die Einführung einer Bürger*innenversicherung für die Absicherung der Gesundheit und Pflegebedürfnisse aller Menschen, die Einführung eines Grund- und Maximaleinkommens sowie eine radikale Arbeitszeitverkürzung.


Weiterführende Literatur, Quellen


Appel, Margit / Gubitzer, Luise / Wohlgenannt, Lieselotte (2013):
Primär mehr – an Geschlechtergerechtigkeit, Freiheit und Ressourcenschonung,
in: Ronald Blaschke / Werner Rätz (Hg.), Teil der Lösung. Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen, Zürich: Rotpunktverlag, S. 99-114.

Appel, Margit (2016): Bedingungslosigkeit politisieren, in: Ronald Blaschke / Ina Praetorius / Antje Schrupp (Hg.), Das Bedingungslose Grundeinkommen. Feministische und postpatriarchale Perspektiven, Sulzbach am Taunus: Ulrike Helmer Verlag, S. 46-62.

Adelheid Biesecker et al. (1997): https://oekologisches-wirtschaften.de/index.php/oew/article/viewFile/887/887

Blaschke, Ronald (2014): Grundeinkommen und Carearbeit, in: Arbeit am Leben – Care-Bewegung und Care-Politiken, Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, Nr. 134, S. 113-127

Fischer, Ute (2015): Fürsorge als gesellschaftliche Aufgabe denken. Das Konzept Grundeinkommen als Grundlage veränderter Care-Strukturen? in: Sozial Extra, Heft 1/2015, S. 40ff.

Fried, Barbara/Schurian, Hanna (2016): „Nicht im Gleichschritt, aber Hand in Hand“. In: Luxemburg 1/2016, S. 96–107.

Habermann, Friederike (2016): Ecommony. UmCare zum Miteinander. Konzepte/Ma­terialien, Band 9. Sulzbach am Taunus: Ulrike Helmer.

IG BAU (2017): Vom Recht auf Erwerbsarbeit zum Recht auf Existenz. 10 Fragen zum Bedingungslosen Grundeinkommen, Frankfurt am Main, https://www.igbau.de/Binaries/Binary42373/broschuere_bge_web.pdf

Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften, https://www.vorsorgendeswirtschaften.de/; Netzwerk Grundeinkommen (2018): Care-Revolutionieren mit Grundeinkommen? https://www.grundeinkommen.de/wp-content/uploads/2018/08/BGECARE-0708_DOWNLOAD.pdf

Neumann, Matthias; Winker, Gabriele (2017): Care Revolution: Ressourcen für Sorgearbeit erkämpfen. In: Konzeptwerk Neue Ökonomie; DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaftem (Hg): Degrowth in Bewegung(en). 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation. München:oekom, 84-95.

Praetorius, Ina: Wirtschaft ist Care. Oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen (2015): Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung

Praetorius, Ina (2016): Nach der Schweizer Volksabstimmung: Das bedingungslose Grundeinkommen als care-ökonomisches Projekt, in: Herwig Büchele / Lieselotte Wohlgenannt, Grundeinkommen ohne Arbeit. Auf dem Weg zu einer kommunikativen Gesellschaft (Hg. Katholische Sozialakademie Österreichs), Wien: ÖGB Verlag, S. XXI-XXVIII.

Schrupp, Antje (2013): Erkennen, was notwendig ist, in: Ronald Blaschke / Werner Rätz (Hg.), Teil der Lösung. Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen,
Zürich: Rotpunktverlag, S. 83-97.

Schurian, Hannah (2017): Das bisschen Pflege. Was falsch läuft und wie es anders gehen könnte. Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Winker, Gabriele (2015): Care-Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, Bielefeld: Transcript Verlag. https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3040-4/care-revolution/

Zeitschrift antidotincl, Heft Nr. 24 (2016): Mit Care-Kraft zur → Energiewende. Frauen für das bedingungslose Grundeinkommen, http://www.antidotincl.ch/images/Ausgabe_12/Antidot_24.pdf

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