Lade...
 

Nahrungsmittelversorgung vom Markt entkoppeln

Was ist das Problem?


In wenigen Sektoren der kapitalistischen Wirtschaft funktioniert Marktsteuerung so schlecht wie im Bereich der Landwirtschaft.

Elementare Marktlogik: Bei steigendem Angebot und gleichbleibendem Konsum sinken die Preise, bei sinkendem Angebot bei gleichbleibendem Konsum steigen die Preise. Im Lebensmittelsektor ist der Konsum im allgemeinen (etwa in Hinsicht konsumierter Kalorien oder konsumierter Proteine) wenig variabel, weil Menschen nur ein begrenzte Anzahl Nährstoffe zu sich nehmen können oder wollen und andererseits ein Minimum an Nahrungsmitteln benötigen. Deshalb ist die obige "elementare Marktlogik" für den Ernährungssektor tatsächlich relevant: Gibt es ein Überangebot, erzielen die Bäuer*innen für ihre Produkte Preise, die sogar unter den Erzeugungskosten liegen können. Gibt es hingegen ein Unterangebot, steigen die Preise, und ärmere Teile der Bevölkerung (regional wie global) können sich im schlimmsten Fall nicht mehr gut oder gar nicht ernähren.

Deshalb funktioniert Markt für Nahrungsmittel anders und (noch) schlechter als z.B. für Luxusartikel, bei denen die Nachfrage flexibel auf den Markt reagieren kann.

Allerdings gibt es auch innerhalb der Warengruppe der Lebensmittel Unterschiede: Den Grundnahrungsmitteln - das sind vorwiegend pflanzliche Produkte, welche gemessen am Nährstoffgehalt relativ preisgünstig herzustellen sind, stehen Luxuslebensmittel gegenüber, zumeist aus der Tierproduktion, welche gemessen am Kalorien- oder Proteingehalt deutlich teurer sind als die Grundnahrungsmittel und entsprechend größere ökologische und Klimaschäden nach sich ziehen. In Situationen von Nahrungsmittelmangel kann sich eine destruktive Dynamik entwickeln (das sog. Giffon-Paradoxon): Die Nahrungsmittel werden teurer, weshalb die Masse an (ärmeren) Konsumenten sich stärker auf die günstigen (pflanzlichen) Nahrungsmittel konzentriert. In der Folge werden diese dann wiederum teurer und verstärken die Nahrungsmittelkrise (im schlimmsten Fall: Hungerkrise), während die Preis für Luxusnahrungsmittel stabil bleiben. Dieser Effekt wird als Giffon-Paradox bezeichnet wurde in Hungerkrisen der vergangenen zwei Jahrhunderte tatsächlich beobachtet (Abel 1986, nach Neebe 2009, vgl. Neebe 2009 und weitere dort zitierte Quellen)

Übersteigt das Angebot hingegen dauerhaft die Nachfrage (falls etwa die Flächenproduktivität im Agrarsektor stärker steigt als die Nachfrage, und die bewirtschaftete Fläche gleich bleibt), begünstigt dies die Umstrukturierung der Produktion von Grundnahrungsmitteln hin zu Luxusartikeln, da sich nur noch hier Preise erzielen lassen, die über den Erzeugungskosten liegen. Es entsteht eine Tendenz hin zu einer Agrarstruktur, die zunehmend auf Luxusprodukte fokussiert, die Landwirtschaftsflächen ineffizient nutzt und die gesellschaftlichen Kosten für Lebensmittel künstlich hochhält.

Der Anstieg resourcenintensiver (insbesondere bodenintensiver) Landwirtschaft in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts weist auf eine zugrundeliegende Überproduktion pflanzlicher Produkte hin. Seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wird hierzulande von staatlicher Seite in die Landwirtschaft eingegriffen, insb. durch Subventionen der Tierproduktion, um bei sinkenden Preisen den Bäuer*innen Einkünfte über den Erzeugungskosten zu ermöglichen. Butterberge, Milchschwemmen und Weinseen wechseln sich seit der Nachkriegszeit ab und können auch durch verzweifelten Rückbau von Subventionen auf Kosten der Bäuer*innen nicht aufgewogen werden (zur aktuellen Situation vgl. taz 2017).

Was ist die Maßnahme?


Es ist höchste Zeit, den Agrarsektor jenseits des Marktes nach Gesichtspunkten der Ökologie, Ernährungssicherheit und sozialer Gerechtigkeit umzustrukturieren. Vorbild hierfür könnten bestehende Modelle der öffentlichen Gesundheitsversorgung sein, die in vielen reichen wie armen Ländern der Erde bereits existieren. Gute Ernährung ist wie Gesundheitsversorgung ein Basisbedürfnis und ein Grundrecht und sollte deshalb nicht vom Marktgeschen abhängen.

Lebensmittel werden in diesem Modell gegen eine geringe Schutzgebühr an die Bevölkerung ausgegeben. Die Bäuer*innen und Landarbeiter*innen werden von der Allgemeinheit angemessen bezahlt (wie Lehrer*innen und Krankenhausärzt*innen) und kombinieren Nahrungsmittelproduktion mit Umwelt- und Klimaschutz. Sie produzieren soviel Lebensmittel, wie tatsächlich benötigt werden, und stehen nicht mehr unter dem Druck, Flächen unbedingt für Nahrungsmittelproduktion in Betrieb zu halten.


Wie kann die Umsetzung aussehen?


Die Planung einer dem Markt entzogenen Agrarproduktion muss keineswegs zentral geschehen, sondern wird eher die Form regionaler und individueller Aushandlungsprozesse annehmen. Mehrere Systeme mit unterschiedlichem Mitsprachemodalitäten der Konsument*innen können nebeneinander existieren. Bäuer*innen, die aus Anhänglichkeit an die Tradition als selbständige Unternehmer*innen auftreten wollen, könnten entsprechend konstruierte Nischen angeboten werden, wie das im Gesundheitswesen in Form niedergelassener Ärzt*innen ja auch möglich ist. Modelle solidarischer Landwirtschaft werden ausgebaut.

Zur Anreicherung des Speiseplans mit exotischen landwirtschaftlichen Produkten wird das System auf ausgewählte Betriebe außerhalb der nationalstaatlichen Grenzen ausgeweitet und garantiert so auf natürliche Weise den Import fair hergestellter Produkte.


Wie wird damit dem Klimawandel entgegen gewirkt?


Die Maßnahme schafft den erforderlichen Handlungsspielraum, um die Landwirtschaft nach Klimagesichtspunkten umzustrukturieren. Insbesondere entfällt der ökonomische Zwang zum Ausbau der "Veredelung", also der Tierproduktion.


Welche anderen Effekte hat die Maßnahme?


Die Maßnahme ist ein Beitrag zur Ernährungssicherheit (gute Ernährung unabhängig vom Einkommen), zur Ernährungssouveränität (direkte Aushandlungsprozesse zwischen Produzent*innen und Konsument*innen), zur Existensicherung im ländlichen Raum und und zur ökologischen Umgestaltung der Landwirtschaft.


Wie schnell kann die Maßnahme umgesetzt werden?


Es gibt keine technischen Hindernisse für eine rasche Umsetzung.


Weiterführende Literatur, Quellen

  • de.wikipedia.org/wiki/Überproduktion (abgerufen am 11.7.2020)
  • https://de.statista.com/statistik/daten/studie/75719/umfrage/ausgaben-fuer-nahrungsmittel-in-deutschland-seit-1900/ (abgerufen am 11.7.2020)
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Giffen-Paradoxon (abgerufen am 11.7.2020)
  • Abel, Wilhelm (1986): Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland, Göttingen.
  • Neebe, Mirjam, 2009, "Von den Hungerkrisen des 19. Jahrhunderts bis zur Verschiebung der Haushaltsausgaben Ende des 20. Jahrhunderts. Nahrungsmittelpreise in Deutschland ab 1841. Hausarbeit an der Universität Potsdam.
  • taz vom 23.7.2017 (Jost Maurin): Überproduktion in der Landwirtschaft. Der Butterberg ist wieder da. Um den Preisverfall etwa bei Milch zu stoppen, hat die EU 2016 allein in Deutschland für 103 Millionen Euro Agrarprodukte eingelagert.


Sprache umstellen