Lade...
 

Papierverbrauch auf ein nachhaltiges Maß reduzieren

 


Was ist das Problem?

Der Verbrauch von Papier, Pappe und Karton in Deutschland liegt seit Jahren ziemlich stabil bei ca. 240 kg pro Kopf und Jahr. Damit liegen wir mit wenigen anderen Ländern wie USA oder Japan weltweit an der Spitze der Verbrauchsländer. Deutschland ist dabei mittlerweile Weltspitze, während andere Industrieländer wie USA, Frankreich, Schweden, Kanada es in den Nuller Jahren innerhalb einer Dekade geschafft haben den Verbrauch um 50-100 kg zu senken1.
Unsere These ist: Zur Befriedigung der Grundbedürfnisse an Bildung, Verwaltung, Kommunikation, Handel und Hygiene wäre ein erheblich geringerer Pro-Kopf-Papierverbrauch ausreichend. Laut Worldwatch Institute würden dafür 40 kg pro Kopf und Jahr genügen2. Während weltweit durchschnittlich ca. 55 Kilo verbraucht werden, sind es in vielen Ländern noch weniger als 20 Kilo, in anderen aber weitaus mehr: Der hohe Gesamtverbrauch an Papier weltweit mit weit über 400 Mio. t pro Jahr schafft schon heute trotz eines erheblichen Recycling-Anteils große Probleme bei der Beschaffung des Rohstoffes Holz und übt einen starken Druck auf die Wälder der Welt aus mit der Umwandlung von diesen in schnell wachsende Plantagen.

Weltweit sollte der Verbrauch deutlich gesenkt werden. Berechtigte Zuwächse in Ländern mit aktuell geringen Verbräuchen dürfen nur noch mit verminderten Mengen in den großen Verbraucherländern ausgeglichen werden. Auch die Erhöhung der Verwendung von Recyclingpapieren ist ganz entscheidend für die Verringerung des Drucks auf die Wälder.
Holz ist ein zu knapper und wertvoller nachwachsender Rohstoff, um ihn für kurzlebige Produkte zu verwenden, die - wie z. B. im Hygienebereich, nach einmaligem Gebrauch entsorgt oder verbrannt zu werden. Auch die technologisch fortschrittlichere deutsche Papierindustrie konnte den CO2-Ausstoß pro produzierter Tonne nur mäßig um etwa 25% in den letzten 20 Jahren reduzieren, während der spezifische Energieeinsatz pro produzierter Tonne Papier seit dem Jahr 2000 sogar nur minimalst (<5%) weiter gesunken ist3.

Für 1kg Papier werden aufgrund der Holzstruktur bis zu 2,2 kg Holz benötigt. Auch wenn die nichtfaserigen Holzbestandteile für die Fasergewinnung im Zellstoffprozess energetisch genutzt werden, ist dieser Vorgang keineswegs als CO2-neutral anzusehen: Zum einen ist jede Holzentnahme ein Verlust auf der Klimaseite, zum anderen gibt es deutlich klimawirksamere Verwendungen des Rohstoffes Holz.


Was ist die Maßnahme?

Aus diesem Grund sollte der Pro-Kopf-Verbrauch von Papierprodukten bis zum Jahre 2030 in allen Ländern deutlich reduziert werden, deren Verbrauchswert bei über 55 Kilogramm liegt.
Eine Produktions- und Verbrauchsminderung bei uns muss zunächst die Ausgangslage in den Blick nehmen. Dazu gehört die Betrachtung der Mengen an Papier in den vier Hauptsorten.
Je Einwohner und Jahr sind für Deutschland 2018 folgende Menge und Verteilungen in Prozent festzuhalten:
- Papier, Karton und Pappe für Verpackungszwecke: 120 kg = 50 %
- Grafische Papiere für Druck, Büro, Schule, Verwaltung: 90 kg = 37 %
- Hygienepapiere: 19 kg = 8 %
- Technische und Spezialpapiere: 12 kg = 5 %

Zu bedenken ist im Weiteren, dass nur etwa die Hälfte oder weniger dieser Papiere in der Entscheidungshand des Verbrauchers liegt: Was am Zeitungskiosk, bei der Bestellung von Katalogen oder beim Mehrfachbeutel statt Brötchentüte beim Bäcker geht, ist schon nicht mehr möglich im Industrie- und Handelsbereich. So auch zum Beispiel bei der Digitalisierung der Verwaltung und der Produktion von Alternativen zu Einwegprodukten aus Papier.
Gewissen Einfluss hat der Verbraucher noch beim Bestellen im Internet, da der Versand immer Einzelkartons erfordert. In Deutschland ist der Bereich der Verpackungen, gleichzeitig mit einer rückläufigen Nutzung von Grafikpapieren, der in seinem Anteil am Gesamtpapierverbrauch mittlerweile auf über 50 % gestiegene Bereich und damit maßgeblich für den hohen Verbrauch verantwortlich. siehe Kommentar; vor 10 Jahren lag der Anteil der Verpackungen am Papierverbrauch noch bei etwa 44 %, 2018 bei 53 %

Angesichts einer Produktions- und Verbrauchsmenge von ca. 20 Mio. t an Papierprodukten im Jahr bei uns ist mit einer vielfach höheren Transportmenge zu rechnen vor, während und nach Gebrauch: Das fertige Papier geht in Druckereien und zu Verarbeitern, dann zu den Verbrauchs- und Verkaufsstellen, schließlich zum Verbraucher und es landet danach im Abfallbereich, von wo es nach Sortierung u. ä. entweder wieder zur Fabrik oder zur Verbrennung oder zum Export geht.

Eine Verminderung des Verbrauchs hätte also unmittelbare Auswirkungen auch auf den Transport- und Verkehrsbereich.

Die Recyclingquote ist selbst laut dem "Kritischen Papierbericht" Link s.u. in Deutschland nur noch bedingt steigerbar. Es ergibt sich ein theoretisches Wiederverwertungs-Maximum aus der Tatsache, dass Zellulosefasern nach etwa sechsmaligem Recycling nicht mehr für die Papierherstellung nutzbar sind.


Wie kann die Umsetzung aussehen?

Ziel muss es sein, sich in diesen Ländern mittelfristig einem Wert von maximal 60 Kilogramm zur Hälfte anzunähern, was für Deutschland bedeuten würde, bis 2030 den Verbrauch von 240 auf ca. 120 Kilogramm zu reduzieren. Um dies zu erreichen braucht es klare Einschränkungen in unserem Konsumverhalten, sowie Regelungen auf der Produktionsebene. 

Als Einzelmaßnahmen sind anzustreben:
- Kostenwahrheit für Primärfasern aus Holz mit Einberechnung der verbrauchten Hilfsstoffe Wasser und Chemikalien, der Transportmittel
- (Wieder-)Einführung von Mehrweg-System für Versandpakete. Wurde in der Vergangenheit mehrfach praktiziert und wird aktuell vom Büroartikel—Versender Memo so gehandhabt mit der „MemoBox“.
- Die Recyclingquoten müssen weiter gesteigert werden
- Allgemeine Förderung des Einsatzes von Recyclingpapier4, welches deutlich ressourcenschonender im Vergleich zu Frischfaserpapier ist. Und für bestimmte Produkte dürfen nur noch recycelte Rohstoffe eingesetzt werden (v. a. Hygieneartikel), damit nur noch möglichst mehrfach gebrauchte Fasern aus dem Stoffkreislauf ausscheiden.
- Eine Kaskadennutzung ist vorzugeben: Von Papieren für höherwertige Nutzung (Büro) über Zeitungspapiere zu Verpackungen oder Hygienepapieren
- Der Verbrauch von umweltfreundlichem Papier muss überall dort vorgeschrieben und kontrolliert werden, wo dies wie z. B. in öffentlichen Verwaltungen möglich ist. Hierbei ist der „Blaue Engel“ das Kriterium.
- Es ist auch ein Blick in die Nachbarländer erforderlich: Frankreich und die Schweiz z. B. verbrauchen über 100 kg weniger Papier pro Einwohner und Jahr als wir in Deutschland.
- Als kleine Hilfe gegen die Bedenken sei angemerkt, dass wir Mitte der 70er Jahre gut mit der Hälfte des heutigen Papierverbrauchs auskamen und niemand vn einem "Papiernotstand" sprach.
- Konkret wäre ein Verbot von Zeitungsbeilagenwerbematerial und unadressierten Flyern wünschenswert. Im Moment landen jährlich etwa 30 kg solcher bunt bedruckten Broschüren in jedem Briefkasten (und danach oft ungelesen im Papiermüll). Dies summiert sich zu 1,3 Mio. t Papier pro Jahr in Deutschland5, was mehr als 5 % des Gesamtverbrauches entspräche.
- Mehrwegprodukte (z.B. Mehrwegbecher, Lappen) statt Einwegprodukte (Papp-Kaffeebecher, Küchenrolle).
- In Büros und Institutionen "beidseitig drucken" als Standardeinstellung festlegen.

(Hier muss weiter gesammelt werden).


Wie wird damit dem Klimawandel entgegen gewirkt?

Die inländische Papierindustrie ist nach der Stahlindustrie der größte Emittent von CO2.
Pro Tonne Papier werden aktuell ca. 700 kg CO2 ausgestoßen und zwar über alle Papiersorten hinweg ohne Berücksichtigung der Emissionen in den importierten Vorketten.

Insgesamt kommt die Papierdustrie damit auf ca. 16 Mio. t CO2 allein bei der Erzeugung ohne Transporte. Eine Verminderung brächte somit sofortige Ergebnisse in der CO2-Bilanz.

Hier ein Vergleich des Ressourcenverbrauchs von je 257.000 t (der aktuelle Recyclingpapierjahresverbrauch aller Deutschen; das entspricht pro Kopf und Jahr: 3,2 kg) Frischfaserpapier und Recyclingpapier (berechnet nach einer ifeu-Studie6), um zu verdeutlichen, welches Einsparpotenzial bei einer Verdopplung des Einsatzes von Recyclingpapier möglich wäre:

 inRecyclingpapierFrischfaserpapierDifferenz = Einsparung
Altpapier/Holzt287.840769.972482.132
WasserMio. l5.268,513.415,48.146,9
EnergieGWh1.078,12.755,81.677,7
CO2t227.702272.420 44.718

Die Papierindustrie ist für 20 % des globalen Holzeinschlags verantwortlich. 


Welche anderen Effekte hat die Maßnahme?

Eine Verminderung von Erzeugung und Verbrauch von Papier und Papierprodukten vermindert sofort auch die Aufwendungen im Transportbereich: Es werden LKW-Fahrten eingespart.
Auch für die globalen Transportketten ist dies von Bedeutung wegen der importierten Mengen an Papierrohstoffen und Fertigpapier.
Im Bereich der Abfallwirtschaft vermindern sich ebenfalls die anfallenden Mengen und es werden Kapazitäten frei z. B. für eine bessere Sortierung der Altpapiersorten.
Im Bereich Druck und Verarbeitung sind auch Verminderungseffekte wirksam.

Dem Holzeinschlag fallen oft Urwälder (egal ob tropische oder nördliche) und andere wertvolle Ökosysteme zum Opfer.


Wie schnell kann die Maßnahme umgesetzt werden?

Eine Einpreisung z. B. über eine CO2-Abgabe und der wahren Kosten der Zellstofferzeugung könnte schnell geschehen.
Dem entgegen stehen sog. ordnungspolitische Argumente und v. a. auch der systemimanente Wachstumszwang, der keine substantiellen und absichtlich herbeigeführten Produktionsminderungen zulässt.
Dabei betreibt die Papierindustrie selbst durch ihre Rationalisierungen eine erheblichen Arbeitsplatzabbau: Gab es z. B. im o. g. Zeitraum Anfang der 70er Jahre ca. 70.000 Beschäftigte in den Papierfabriken, so sind es heute nur noch knapp 50.000 - und dies bei verdoppelter Produktion sether!
Dennoch stehen einem Null- und Minuswachstum alle gängigen herrschenden Wirtschaftsargumente entgegen, mit denen jeder Versuch des Degrowth oder Postwachstum zu kämpfen hat.


Wie lang dauert es, bis die Maßnahme Wirkung zeigt?

Eine Umstellung z. B. im Bereich Versand auf Mehrweg könnte rasche Wirkung entfalten, weil der Ausbau einiger Fabriken im Kartonbereich gerade erfolgt oder in Planung ist.
Ebenso kann die stärkere Beachtung bei Einkaufsvorgaben und der Beschaffung für den öffentlichen Bereich rasche Wirkung zeigen im Nachlassen z. B. billiger Primärfaserangebote aus Exportländern wie Portugal oder Indonesien.


Bezüge zu anderen Maßnahmen

Im ökologischen Büro würde z. B. deutlich weniger Papier verbraucht, dafür aber auch bewusst auf geringe Energieverbräuche bei den elektronischen Geräten geachtet.

Die Reduktion des Papierkonsums steht leider teilweise in Zusammenhang mit dem Mehrverbrauch von Plastik (für Verpackungen) und Elektrizität (statt Graphischen Papieren zum Schreiben und Lesen; Datenarchivierung auf Servern) sowie elektronischen Geräten: Papier stellt eine Alternative zu sehr schlecht abbaubaren Verpackungsmaterialien wie z.B. Plastik dar. Letztere sind aber je nach Lebensdauer der Papieralternativen weniger energieintensiv herzustellen und damit erst einmal weniger CO2-intensiv (Probleme wie am herumliegenden Plastik verendende Tiere und Plastikinseln in Ozeanen werden hier in ihrer Klimawirkung erst einmal ausgeblendet). Digitalisierung zur Reduktion des Papierverbrauchs erscheint nur in Verbindung mit einer Steigerung der Ökostromproduktion sinnvoll! Trotzdem bleiben immer noch die zu beachtenden Probleme von Umweltverschmutzung und sozial katastrophalen Arbeitsbedingungen bei der Herstellung von elektronischen Geräten, insbesondere der Gewinnung von sogenannten seltenen Erden.


Probleme sozialer, globaler oder Generationengerechtigkeit

Keine oder weniger Primärfaser z. B. aus Südamerika importieren entlastete die dortigen Bewohner von Landwirtschafts- und Forstflächen von der Gefahr der Umwandlung ihrer Flächen in Plantagen bzw. könnte zu deren Rückgaben führen.
Auch stünde mehr des erzeugten Zellstoffs und Papier für den Verbrauch im eigenen Land zur Verfügung. Brasilien hat aktuell einen Pro-Kopfverbrauch von ca. 60 kg - also weit weniger als unsere Zielgröße und trägt dazu bei, unseren hohen Verbrauch weiter zu halten.


Weiterführende Literatur, Quellen

Umfangreichere Literatur, die hier nicht komplett wiedergegeben werden kann, aber vielleicht als Grundlage für die Maßnahme gedient hat, oder anderweitig von Interesse ist.

für einen fundierten Einstieg: https://www.umweltbundesamt.de/papier-druckerzeugnisse#textpart-1

vertiefte Informationen zur Problemlage: https://www.foep.info/dokumente/upload/6c397_kritischer_papierbericht_2013_neu.pdf

Infos vom Verband deutscher Papierfabriken: https://www.vdp-online.de/industrie/statistik

3 OECD 2020, Environmental Outlook 2020, S. 218



Grundlagen sind die Jahresberichte der Dt. Papierindustrie durch den VDP.
Ganz neu und umfassend-unfangreich: „Unterrichtsmaterialien Papier – von Natur bis Kultur“. Auf den Internetseiten www.foep.info / Veröffentlichungen abrufbar.
Und: Die Broschüre "Papier. Wald und Klima schützen", mit Infos und gleichzeitig ein Papiermusterheft. Gibt es kostenfrei beim Umweltbundesamt sowie als PDF-Download: http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/papier.

Sprache umstellen